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Der Trend "Make me"

veröffentlicht am 08. Mai 2018
DI (FH)  Julia Ulbrich von DI (FH) Ulbrich Julia
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Das Ende des Kollektivs?

Das Kollektiv, also unsere Gemeinschaft, war bis dato das Rückgrat unserer Gesellschaft. Die wirtschaftlichen aber auch die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben jedoch zu einer Individualisierung geführt. Die Auswirkungen reichen von einer Veränderung des Konsumverhaltens bis hin zur Ablöse des traditionellen Familienideals. Single-Haushalte nehmen stetig zu. Es geht also um den Einzelnen bzw. die Einzelne selbst.

Das steht im groben Widerspruch zur Globalisierung und Massenproduktion, denn diese ist mit dem Wunsch nach Individualität nicht vereinbar. Regionalität und Handwerkskunst stehen vor einer Revolution. Skepsis gegenüber industrialisierter Nahrungsmittelproduktion und prekären Arbeitsbedingungen lassen Bauernmärkte, Selbstversorgergärten, „Made in Austria“-Mode und handgefertigtes Interieur boomen. Während das anonyme Massenprodukt ausgedient hat, feilen Start-ups an Konzepten, um uns individualisierte Produkte (z.B. www.mything.com) oder den digitalen Bauernmarkt (z.B. www.markta.at) ins Wohnzimmer zu bringen.

NLundWebsite make me

Welche Folgen hat die Individualisierung für Unternehmen?

Für Unternehmen bedeutet der Trend der Individualisierung vor allem eine Flexibilisierung von Produktionsprozessen. Losgröße 1-Fertigung ist das Stichwort für eine Vielzahl an Branchen. Die Individualisierung von Produkten geht weit über klassische Konsumgüter hinaus und umfasst auch Produktionsinfrastruktur und Fertigungsanlagen, die an spezifische Anforderungen angepasst werden müssen. Die anfänglich als Spielerei abgetane Rapid-Prototyping-Technologien etablieren sich als ernst zu nehmende Alternativen, nicht nur für die Prototypen-Fertigung. Auch Makerspaces sprießen aus dem Boden.

Aus dieser Kehrtwende entwickelt sich geradezu ein „Gutbürgertum“, in dem soziale und ökologische Verantwortung von Individuen übernommen werden, um sich von der Masse abzuheben. Herkunft, Regionalität, Produktionsbedingungen und Nachhaltigkeit werden zu immer wichtigeren Produkteigenschaften. Wir gehen nicht mehr einfach einkaufen. Wir informieren uns, vergleichen, prüfen, verwerfen, um uns letztendlich eine rare silikonfreie Kräuter-Haarseife eines Berliner Independent-Kosmetik-Labels zu kaufen. Renewables und Recycables, intelligente Speichersysteme und Circular Economy sind als integraler Bestandteil ökologischer Produktions- und Lebenskonzepte in Mode.

Profit & Selbstdarstellung

Gleichzeitig verbindet sich diese Individualisierung mit dem Drang nach Profit und Selbstdarstellung. Individuelle Lebensstile werden dabei über soziale Medien einer breiten Masse präsentiert. Dies beeinflusst viele Menschen weltweit in ihren Meinungen bzw. Kaufentscheidungen. Betrachtet man jedoch die Influenzer unserer Zeit, so wird man erkennen, dass viele bereits in einer wirtschaftlichen Abhängigkeit zu Großkonzernen stehen und ihren Einfluss auch für Massenprodukte nutzen. Die sozial und ökologisch verantwortungsvolle Lebensführung, die uns präsentiert wird, entwickelt sich nicht nur zum Wirtschaftsfaktor, sondern auch zu einem Instrument im Streben nach sozialer Anerkennung. Man will am Ende doch dazugehören und Teil einer Community sein. Ob damit aus der Mode Nachhaltigkeit ein tatsächlich nachhaltiges Umdenken auf Konsumentenebene erfolgt, bleibt ungewiss.